„Am Meerschwein übt das Kind den Tod“

Über allem ist Skepsis und unheimliche Ruh. Über dem Erinnern. Über dem Wissen, weil man sich ja an fast nichts gesichert erinnert. Und was ist gesicherte Erinnerung? Erinnern und Wissen trennen sich, bilden eine feine Linie, von manchen Horizont genannt, von anderen Perforationslinie. Ab hier muss man erwachsen sein, wenn man es nicht schon vorher geworden ist, für alle Fahrten das Erwachsenen-Ticket hinhalten. Wer jetzt noch im Planschbecken herumsteht und nicht bei den Großen mitschwimmt, gerät in unangenehmen Verdacht. Ab einem gewissen Punkt reißt eine Welt von der anderen ab, und da, wo du stehst, bist du.
Bist erkennbar für alle Alten als altes Kind und nicht mehr erkennbar als jung für alle Jungen. Wirst du dann irgendwann einmal traurig, weil dir das Leben eben mitspielt, bist du traurig, wie nur ein altes Kind es sein kann.
S. 10/11

… dabei war ich schon immer ein morbides Kind,…, mit einem Hang zum Dunklen, einer Freude an Grusel und Geistern, mit kultivierten, aber auch – und zum Glück – kontrollierten Ängsten… Die Toten galten meiner Mutter viel… Nur hier und da fühlte ich eine Überforderung, im Ganzen aber war ich stark und durch das beständige innere Selbstgespräch und Beten, immer das Beten… vor den grässlichsten Einsamkeiten gefeit, denen selbst ein Haushalt, in dem gelesen wird, ausgesetzt ist.
S. 21

Also wurden die Tagebücher tatsächlich erste Aufbewahrer von Gedanken…
… Zeilenfüllerin. Mehr ist man am Anfang des Schreibens nicht, aber auch nicht weniger. Man produziert, schreibt gegen Stille und Lärm an, bildet einen Ton aus, den man selber gerne liest und hört und weiß noch nicht, dass alles Schreiben immer so weiter funktioniert.
S. 32

Ich führte ein Tagebuch mit kleinen Kritzeleien und Zeichnungen. Wir fühlten uns wie zwei Forscherinnen, und ich glaube, ich hatte bereits Freude am Denken an das Schreiben und Formulieren als lebensbegleitende Übung.
S. 140/41

Anm.: Zitate aus Nora Gomringer, Am Meerschwein übt das Kind den Tod, FfM 2026.