
21.5., Hinterhof FL

30.5., Seitenstraße HH-Altona
Fort mit Sorgen
Willst du Fortschritte machen, so mußt du Gedanken wie die folgenden fahren lassen: Wenn ich das Meinige vernachlässige, so werde ich kein Brot haben; wenn ich meinen Jungen nicht züchtige, so wird er ein Bösewicht werden. Denn besser ist es, Hunger sterben, frei von Traurigkeit und Furcht, als im Überfluß leben mit Unruhe im Herzen; und besser ist’s, daß der Junge ein Bösewicht werde, als daß du unglücklich seiest. (1)
„Was kostet Gemütsruhe?“ (2), eine ständige Frage, vor allem, wenn das Gemüt wiederkehrend unruhig und beschwert ist. Seit vorgestern habe ich es geschafft, der Schwermut zu entkommen. War morgens geraume Zeit mit schwerem Kopf und den immer gleichen, sorgenvollen Gedanken und schweren Gliedern aufgestanden und abends ebenso zu Bett gegangen. Hatte in der Zeit dazwischen mein Hirn zermartert: „Du musst was tun!“ (3) bezüglich eines dauerhaften Grundeinkommens, denn tätig bin ich ständig und ohn‘ Unterlass, denke oft, wie ich nur alles schaffen soll, was zu tun ist…, doch der Platz in der Gesellschaft mit finanzieller Anerkennung fehlt. Meine drei Kurse, die ich gebe, obwohl von hohem Wert, bringe ich z.B. seit einiger Zeit einem jungen Mann aus Afghanistan Deutsch bei und werde durch seine Freude und Fortschritte reich belohnt, zählen gesellschaftlich gesehen quantitativ nicht. Auch schaffen sie es nicht, meinen Selbstwert dauerhaft zu steigern, vor allem nicht, wenn meine Expertise in der Kunstvermittlung bei den SuS aus der Ukraine keine Resonanz findet. Regungslos und stumm sitzen sie mir oft gegenüber und lassen mich an mir und meinem Tun zweifeln.
Um der Zweifelei etwas entgegenzusetzen, war ich extra für ein Wochenende nach HH gereist, um an einem Workshop zur Gestalttherapie teilzunehmen, einem Berufsfeld, das ich kennenlernen, und von dem ich Anregungen bekomen wollte. Leider hatte ich mir unter Gestalttherapie jedoch statt etwas Gesprächstherapeutisches, etwas Gestaltungstherapeutisches vorgestellt. Musste nach der Hälfte gehen, da mein System bereits überfordert war. Schon tags zuvor war ich im vollem Zug angereist, hatte mich kurz mit F. getroffen, die ich lange nicht gesehen hatte, was uns beide berührte. Danach hatte ich mehrere Stunden innigsten Austausches mit meinem ältesten Cousin verbracht, um anschließend zum Nachtquartier in Ts und meiner alten Hood W-Burg zu fahren, mich dort zu verlaufen und in einem Kinderbett zu schlafen.
Während des Workshops mit drei anderen Teilnehmerinnen erklärte ich in einer „Showsitzung“ mit dem Therapeuten Mercutio und mich, wieviel Kraft es mich aufgrund meines hochsensiblen Seins immer noch kostet, in der Welt zurechtzukommen und wie schwer es oft für andere nachvollziehbar ist, und dass ich mich immer noch oft erklären muss. Nach der Mittagspause, in der ich erschöpft in der Stadt umhergeschlichen war, kurz als Agnostikerin in einer Kirche Stille gesucht und gefunden hatte, traf mich eine der Teilnehmerinnen alleine an und ich erklärte, um meine Fassung kämpfend, dass ich gehen müsse. Sehr mitfühlend reagierte sie und ich rappelte mich wieder zusammen, scherzte mit ihr. „Jetzt nehmen mir es die anderen bestimmt nicht mehr ab!“ „Ich glaube Dir!“, sagte mir der Therapeut direkt ins Gesicht und meine Beine wackelten. So dünnhäutig machte ich mich auf die Zugrückreise und überstand sie. Die Erschöpfung, zwei Aphten im Mund und der Hund folgten.
P.S. Sorgen bringen gar nix!
1: Epiktet, Handbüchlein der Lebenskunst, 5. Auflage, Hamburg 2025, S. 16. Editorische Notiz: "Der Text folgt der Übersetzung von Carl Conz, die erstmals 1864 erschien. Eindeutige Druck-und Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert." 2: Kapitelüberschrift, ebd. 3: vgl.letzte Zeichnung des Artikels Wie Phönix aus der Tasche, 24.4.26.4: Zitat aus: Rose, R: Markus Schleinzer, D 2026 mit Sandra Hüller in der Hauptrolle.
4: Zitat aus: Rose, R: Markus Schleinzer, D 2026 mit Sandra Hüller in der Hauptrolle.