„Du siehst aus.“

Zum Titel: Zitat aus Haffners Abschied, s.u.

Zur Zeichnung: Morgendliche "Blindzeichnung" einer Dahlie, 13.9.
Fertige seit einiger Zeit jeden frühen Morgen eine kleine Skizze an. Tue dies nach meinem "Tee-zieh'-Workout", meiner 7-Minuten-Meditation und vor meiner Kurzlektüre, z.Zt. Poetik des Raumes von Bachelard. Dies nennt man "Gewohnheitskopplung", siehe "1% Methode", Bucherwähnung im Artikel zuvor.

„Raimund!“, sagte Teddy. Sie hatte eine andere Stimme plötzlich, aber es half mir nichts mehr.
„Was ist dir denn!“, sagte sie. Ich schüttelte den Kopf. Sie nahm plötzlich meine eine Hand und zog sie mir vom Gesicht. „Aber was ist denn!“, sagte sie.
„Gar nichts“, sagte ich.
„Doch!“, sagte Teddy. Mein Gott, was konnte sie für eine andere Stimme haben. Teddy! Teddy vom Heidelberger Platz! „Wie siehst du denn aus!“
„Ich seh doch gar nicht weiter aus.“, sagte ich. Ich lag immer noch auf dem Bettrand mit dem Kopf nach unten. Teddy kniete jetzt neben mir wie der Samariter neben dem Mann, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder. „Doch!“, sagte sie. „Du siehst aus.“
(1)

Wäre T. heute Morgen nicht bereits „vor Tach und Tage“ (Ausspruch meiner verstorbenen Mutter) aus dem Haus gewesen, hätte er auch zu mir gesagt: „Du siehst aus.“ Schwindle seit gestriger, ausgelassener Schaukelei, was ich seit Jahren nicht tat, „labet“ umher (A.m.v.M. für „elend, unwohl fühlend“; Betonung auf dem „e“). Keinen kindlichen Übermut im Alter, bitte sehr!

1: Aus: Sebastian Haffner, Abschied von 1932, FfM etc. 2025.