“Sieh nicht, was andere tun, der andern sind so viel…”

Zum Titel: Christian Morgenstern, s.u.

Zum Bild: Skizze unserer verstorbenen Katze Lulu, 2002.
Einen Auftrag aus dem Skillstraining, um Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen (!?), sich kompetent zu fühlen und somit die emotionale Verwundbarkeit zu verringern, setze ich seit Anfang des Jahres jeden Tag ca. 10 Minuten um: Sichten der Zettel-u.ä.-Anhäufungen und Aussortieren. Dabei fiel mir ein Skizzenbüchlein aus dem Jahr 2002 in die Hände.

Alltagsskizze(n):

Im Wartezimmer meines Hausarztes: 2jähriger Junge zur Mutter: “Heia machen. Nulli haben.” Die Mutter verwehrt es ihm zunächst sanft. Erneut: “Nulli haben.” Kind zieht Mutter sanft an den Haaren. Mutter möchte dies nicht. Kind: “Heia machen. Nulli haben.” Mutter gibt nach. Kind kuschelt mit Schnuller im Mund auf Mutters Schoß. Mutter streicht ihm über den Kopf. Kind: “Handy haben.”

Wirkt nach…

Auf dem Gelände unseres Wohnprojektes. Mein Nachbar J. erzählt mir eine Anekdote von seiner letzten Reise. Wir lachen. Unser Nachbar O. freundlich im Vorbeigehen zu uns: “Was habt ihr für ein Glück im Leben!”

Wirkt (lange) nach. Wird hin und her gedreht und gewendet. Einerseits, andererseits…

Traum:

Ich und T. führen in unserem Wohnprojekt ein kleines Stück auf, ich bin als Clown verkleidet. Am Ende klatscht keiner. Ich bin entrüstet: “Ihr könnt doch wenigstens ein bisschen klatschen! So!” Ich klatsche in die Stille.

Wirkt nach. Wen interessiert’s?

Erkenntnis(se):

Wir gehören zum privilegierten Prekariat.

Wirkt nach…

Mutter (86) nennt mir am Telefon Fragmente eines Gedichtes, welches ihr Schulleiter Herr F. als Lebensweisheit in Poesiealben schrieb. Es wirkt nach und ich recherchiere.

Christian Morgenstern schrieb:

“Sieh nicht, was andre tun, der andern sind so viel, du kommst nur in ein Spiel, das nimmermehr wird ruhn (wie wahr!).

Geh einfach Gottes Pfad (in meinem Fall ohne Gott, aber im Sinne der Liebe – “Liebe und tu was du willst.” Augustinus, der meinte allerdings, dass man Gott lieben solle, herrje)laß nichts sonst Führer sein, so gehst du recht und grad, und gingst du ganz allein.”

Treffer, wirkt…