Gelernt

Fundstück von J.

Es gibt soviel zu lernen!, schrieb ich am 6.3.
Und genau das tat und tue ich! Ausführungen s.u.
Ebenfalls seit dem 6.3. im Entwurfordner:
Auszüge aus einem Artikel über Hochensibilität von 2000, den ich beim Entzetteln fand, und den ich seit 20 Jahren (!) besitze und noch nicht las (dafür andere(s) zur selben Thematik):

Der Mann zuckt heftig zusammen, als der Schaffner in die Pfeife bläst. Die anderen Passagiere scheinen den schrillen Pfiff gar nicht zu hören. (Welcome home!)…

Elaine Aron „The Highly Sensitive Person. How to Thrive when the World Overwhelms You“, 1996… Neigung, unterschwellige Reize  besser wahrzunehmen als andere. Diese Menschen verarbeiten alle Informationen tiefer. Sie werden deshalb aber auch schnell durch starke Reize überstimuliert…

Aron: „Um sechs Uhr abends werde ich müde und brauche meine Ruhe. Andere Menschen können dann weitermachen. Ich aber muss mich zurückziehen, weil mein Gehirn viel mehr Anregungen verarbeitet hat…

„Wer sich von Reizen überwältigt fühlt, erlebt Irritation, wird leicht fahrig und unsicher, macht Fehler.“… Im Arbeitsleben… besondere Sorgfalt und Aufmerksamkeit…

Den Artikel finde ich gerade nicht wieder, nähere Angaben folgen.

Die Aussagen aus dem Artikel treffen immer noch auf mich zu.
Was neu ist: ich erhole mich schneller von Erschütterungen unterschiedlichster Art.

1.: Als am Morgen des 25.6. zum wiederholten Male ein Vogel gegen die Fensterscheibe flog und ich diesmal sein Sterben mitansehen musste, war ich den ganzen Vormittag erschüttert. Fahrig und leicht überdreht traf ich auf Nachbarn, mit denen ich mich über Büsche hinweg mit lauter Stimme unterhielt. „Kein gutes Zeichen!“, sprach ich. „Wenn ihr mich laut und fröhlich tönen hört, ist es oft ein Anzeichen von Überforderung, Überspielung u.ä.“ Früher hätte ich mich zu Hause zurückgezogen und geweint, diesmal lenkte ich mich ab und konnte den Rest des Tages ohne „Überstülpung“ begehen.

2.: Als mich auf der Rückfahrt von Ts Mutter (23.7.) aufgrund von arglosen Äußerungen von K. und J. meine Person betreffend das zweite, emotionale Netz einfing, ich tief verunsichert war und mir hinterm Steuer still die Tränen die Wangen hinunterliefen, konnte ich mich schneller daraus befreien, als früher, sprich vor der C.zeit (und noch früher, sprich vor dem Skillstraining).
Ist das wahr? Bedeutet(e) die Krise für mich aufgrund der reduzierten Kontakte und Außenreize eine neue, andere Stabilität? Habe ich aufgrund des „Großen“ im Kleinen (mit Hilfe dreijähriger Skillstrainingpraxis!!) neue Bewältigungsstrategien entwickelt? Es scheint so.

3.: Nach einem Spaziergang mit meiner Freundin Schutzi-J. (25.7.) trafen wir auf unsere Nachbarnin M. und unterhielten uns. Unser Nachbar J., mit dem Rad an uns vorbeifahrend, warf mir einen vermeintlich lustigen Spruch zu, der aber gar nicht lustig war und welcher der Klärung bedurfte. Bemüht, die Fassung zu wahren, konterte ich mit „der Wahrheit“ -, so öffentlich am Dorfeingang auch nicht gerade passend. Meine Beine waren weich und wackelig, doch früher wäre ich „zusammengebrochen“, jetzt „hielt“ ich mich und erkannte, dass es eher der Fokus auf meiner Person war, der mich stresste, nicht aber das Gesprochene.

Am Abend des selben Tages: J., 7, kehrte nach einem Tanz im Gewitterregen schimpfend und frierend zurück, weigerte sich, zu duschen, geriet außer sich. Ich blieb ruhig, dachte, dass ihm nicht nur kalt, sondern er auch hungrig und müde sei und daher zum „wilden Tier“ wurde. Schaffte es, ihn abzuduschen und ihn zum Essen zu bewegen. Matt und verblüfft hatte ich die Szenerie von außen beobachtet, wäre ich doch früher auch außer mir geraten, hätte das Aufgestaute später gegen mich selbst gerichtet.

4.: Sonntag, 26.7. Eine Meise verirrte sich in unserem Gemach. Versteckte sich hinter der Abseite. Mich stresste es hochgradig, nicht zu wissen, wo genau sich das Vöglein befand, wann es verängstigt umherflattern würde. Jammerte: „Wo kann ich sein?“
Als Meislein geraume Zeit später schimpfend oder erleichtert von T. befreit wurde, konnte die Anspannung von mir abfallen, blieb nicht gestaut.

5.: Ich verfuhr mich über 1 Stunde lang vollkommen sinnlos mit dem Auto (5.8.), fühlte mich an meine horrorhafte Referendariatszeit erinnert, in der mir dies ständig widerfuhr. Kopfschmerzen nach überstandener Odyssee hielten mich nicht davon ab, mich im Garten körperlich zu verausgaben. Trotz hinzukommender, ungeplanter Nachbarschaftskontakte, „hielt“ ich mich  im Gegensatz zu früher erstaunlich gut.

Alles in allem bin ich ziemlich stolz auf mich, wenn ich das mal so behaupten darf!